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Ein Lehrbub erzählt: vor dreißig Jahren von OstR Dipl. Br. Ing. Richard Simon, Ulm
| Im Lande war Krieg und dennoch war alles "friedlich", sogar beängstigend ruhig. Die Straßenlampen
erloschen für mehr als ein halbes Jahrzehnt, die im Verkehr zugelassenen Fahrzeuge waren spärlich
beleuchtet, und die Leuchtreklame konnte weder für Seifen noch für Kaffee werben, denn ein Markenartikel
nach dem anderen zog sich vom Markt zurück. Dafür gab es die Einheitsware. Der Winter war sehr kalt,
und das war den Schülern recht, denn von einem geordneten Schulbetrieb konnte ohnedies nicht mehr
gesprochen werden und da der für die Zentralheizung der Schule notwendigen Koks anderswo dringender
gebraucht wurde, gab es Kohlenferien, und dies noch so kurz vor den Frühjahrszeugnissen. Da für meinen
Jahrgang angesichts dieser Zeitläufe ohnedies nicht mehr an ein normales Oberschulende gedacht werden
konnte, zog ich es vor, in das Berufsleben einzutreten. |
Dies geschah am 1. April 1940 in
der Brauerei Warthausen im schwäbischen Oberland. Die ersten
Lehrwochen begannen - wie konnte es auch anders sein - im Flaschenkeller.
Doch zuvor sei noch kurz meine Lehrbrauerei vorgestellt, der ich
in Dankbarkeit und meinem Lehrmeister, Herrn Brauereidirektor Kalch,
diese Zeilen widme. Der Jahresausstoß lag bei rd. 60 000 hl,
der Betrieb selbst technisch perfekt und in seiner für mich
erkennbarer Kapitalstruktur kerngesund. Der Betrieb wurde seitens
der Firmenleitung kollegial geführt, jedoch war ein gutes und
achtunggebietendes Patriarchat vorherrschend. Auf jedem Posten saß
ein Altgedienter. Diese Männer waren - schon im 6. Lebensjahrzehnt
stehend - gelernte Brauer, die ihren Haustrunk in jenen Maßkrügen
heim trugen, auf denen noch die militärischen Würden von
ehedem ersichtlich waren. Diese Kernmannschaft waren keine Angestellten,
sondern Bierbrauer, die lediglich einen um 10 Pfennig höheren
Stundenlohn (damals waren es m. W. nach 1,13 RM pro Stunde) erhielten,
dafür aber morgens und abends länger am Arbeitsplatz verweilten
und in ihrer ganzen Arbeitseinstellung sich so verhielten, als gehöre
ihnen das Geschäft. Am Sonntag konnte man sie vereint in einer
Kirchenbank sehen, falls sie keinen Sonntagsdienst hatten. |
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Körperlich kräftig und gesund, menschlich
ausgeglichen und anständig, dem Geschäft und dem Berufsstand
gegenüber treu und pflichtbewusst und als Familienväter
sparsam und häuslich veranlagt. Sie alle waren schon längst
zu einem "Häusle" gekommen, denn der Brauherr war in dieser
Hinsicht nicht kleinlich, wenn er von seinem beachtlichen Grundbesitz
einen Bauplatz für seine Mitarbeiter abgeben musste. Übrigens
konnte der Krieg dem Biergeschäft keinen Abbruch tun, obwohl
es schon im Frühjahr 1940 mit dem Aufweichen des Stammwürzegehaltes
anfing, bis dann endlich der grausame Wert von 2-3 % im Jahre 1944
erreicht wurde. Zwischen Friedrichshafen und Ulm lagen viele militärische
Einheiten und niemand wusste eigentlich wozu. Mehr als 5 Feldflugplätze
entstanden auf der grünen Wiese, und Flakstellungen waren gleichmäßig
übers Land verstreut. Durst mussten diese Soldaten alle gehabt
haben, denn im gesamten Geschäft war man sich darüber
einig, dass für diese Jahreszeit der Bierausstoß ungemein
gut floriert. Der Truppenübungsplatz von Münsingen wurde
wöchentlich mehrmals mit einem Bierwaggon der Reichsbahn angeliefert.
Wie normal der Alltag damals noch verlief, mag die Tatsache erhärten,
dass während der ersten Aprilwochen in meinem Lehrbetrieb eine
neue Flaschenspülmaschine (Rivella 8) installiert wurde. Als
dann die Anlage nach fast dreiwöchiger Montaggezeit (eine Vorverdrahtung
und Verrohrung war damals noch nicht üblich) in Betrieb ging,
war ein kleines Weltwunder perfekt, denn bis dahin wurden die Flaschen
auf der Zwillingsbürstmaschine gereinigt. War das ein Ding
diese Maschine, die schmutzige Flaschen aufnahm und diese ohne besondere
Handarbeit nach wenigen Minuten sauber ausstieß und dann auf
den Kettentransporteur setzten! So war es auch am 10. Mai, als die
Maschine gerade dabei war, die ersten Serien sauberer Flaschen für
den Füller freizugeben, als der Braumeister in den Flaschenkeller
kam, die Maschine abstellen ließ und verkündete, dass
im Westen heute früh die Offensive begonnen habe. Jetzt erst
wurde es den Anwesenden bewusst, warum seit den frühen Morgenstunden
unentwegt ein nie abreissendes und starkes Flugzeuggebrumm die Luft
erfüllte.
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Bald gab es im Westen nichts Neues mehr und die
Brauerei erhielt die Auflage, in einem. Nebengebäude zwei Räume
für Kriegsgefangene bereitzustellen. Maurer und Schlosser gingen
ans Werk, vom Wehrbezirkskommando kamen zwei Offiziere und prüften
den Fußboden und die Schlösser und hatten daran nichts
auszusetzen. Dann war es so weit, dass der kaum 1000 Seelen zählenden
Gemeinde die erste Gruppe von ca. 20 Kriegsgefangenen zugeteilt
wurde, denn die Arbeitskräfte waren in der Landwirtschaft und
im Gewerbe knapp. Wie ein Lauffeuer ging es durch den Ort, dass
heute mit dem Abendzug von Ulm die Gefangenen eintreffen würden.
Was möge das wohl für Männer sein? Wer Zeit hatte
und gut zu Fuß war, wollte dieses Schauspiel erleben und der
Bahnhof war belagert, als gelte es, eine siegreiche Fußballmannschaft
abzuholen. Der fahrplanmäßige Abendpersonenzug traf ein,
dem einige Waggons mit der menschlichen Beutefracht angehängt
waren. Nur wenige Zivilisten entstiegen dem Zug, dann kam die Wachmannschaft
und zuletzt stiegen diese Männer aus. Sie wurden nicht durch
den Bahnhof geleitet, sondern über die Zufahrt des Bahnsteiges
setzte sich die Kolonne in Bewegung, zwei Mann immer zusammen und
ca. 6 Wachleute nach allen Seiten absichernd. Erst jetzt konnte
die am Straßenrand stehende Betrachter er- kennen, was es
heißt, Kriegsgefangener zu sein. Die Kleidung war zerfetzt
und verschmutzt, auf der Vorder- und Rückseite von Jacke und
Hose waren die weißen Buchstaben KG (Kriegsgefangener) aufschabloniert,
die Gesichter fahl und eingefallen, Haar und Bart ein wildes Durcheinander,
und lediglich in der Hand ein beutelähnliches Gebilde, wo jeder
noch die letzten Habseligkeiten seines militärischen Besitzes
trug. Wer konnte damals ahnen, dass dieses grausame
Bild bald zum Kriegsalltag an allen Fronten und auf allen Seiten
gehören würde?
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Nun war es gut, dass diese Männer in einem
Gebäude der Brauerei ihr bescheidenes Quartier nehmen mussten.
Ich konnte mir Zutritt verschaffen, nicht zuletzt deswegen, weil
die Wachmänner, nachdem seine Fracht ordnungsgemäß
verschlossen hatten, erst einmal ein frisches Bier trinken wollte.
Meine Sprachkenntnisse kamen mir zugute, denn bald brachte ich heraus,
dass diese Gefangenen von Brüssel kamen und gar keine Franzosen
waren. "Wir haben keinen Krieg gewollt," sagten sie verzweifelt,
schlafend seien sie bei Lüttich in Gefangenschaft geraten und
seien bisher in großen Gefangenenlagern gewesen. Kaum etwas
zu essen und keine Zigaretten. . . großen Hunger. . . bitte
eine Zigarette. . . ob hier die Menschen gut sei. . . was mit ihnen
jetzt geschehen werde. . .ich habe Kinder. .\ wann geht der Krieg
zu Ende...? C'est la guerre! Wenn die Staatspropaganda auch damals
den bösen Spruch "Harte Zeiten - harte Herzen" kreierte und
ins Unterbewusstsein des Volkes einbaute, so konnte dieses Jammerbild
der unschuldigen Männer nur Mitleid erregen. Es war möglich
zu helfen und es wurde geholfen. Die Bauernsöhne hatten plötzlich
Brotlaibe auf dem Gepäckträger ihrer Räder und Zigaretten
waren auch vorhanden. Alles fand dankbare Hände und hat bestimmt
dazu beigetragen, die erste Not zu lindern.
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Am anderen Tag mussten die Kriegsgefangenen gleich
an die Arbeit. In die Brauerei kamen Pierre, Jean und Claude. Nach
einem heißen Bad ordnete ein Mitgefangener mit Schere und
Messer die ramponierte Haartracht. Dann gab es frische Kleidung.
Und weil diese die Brauerei stellte, konnten die diffamierenden
Buchstaben KG entfallen. Allerdings musste auf dem Heimweg ins Camp
die alte Kleidung getragen wird. Etwas kompliziert gestaltete sich
das Mittagessen, das den Gefangenen in der Brauereiwirtschaft gereicht
wurde. Es bestand das administrative Verbot - selbstverständlich
mit Strafandrohung bei Missachtung - die Gefangenen am gleichen
Tisch essen zu lassen. Um das Gesetz zu erfüllen, wurde den
Gefangenen im Nebenzimmer serviert. Im Schalander waren die Sitten
etwas lockerer. Alle drei erhielten ihren Maßkrug und es dauerte
nicht lange, bis sie diese brauereiübliche Flüssigkeitsmenge
zur Brotzeit zwangen. Belgien ist schließlich ein beachtliches
Bierland!
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Der Gattin des Brauherrn konnten diese Ereignisse
nicht verborgen bleiben. Sie ließ deshalb den Braumeister
wissen, dass im Garten des herrschaftlichen Hauses das Unkraut sehr
hoch stehe und der jätenden Hand bedürfe. Man möge
für diese Arbeit auch die Gefangenen schicken. Wer nun glaubt,
dass es dabei zu einer schwäbisch-belgischen Unkrautschlacht
gekommen sei, irrt sich. Vielmehr ging es Frau Neher nur darum,
sich in ihrer vornehmen und zurückhaltenden Art um das Wohl
dieser Männer zu kümmern. Ihre guten Kenntnisse der französischen
Sprache kamen ihr dabei zu Hilfe. Es wird wohl immer ein Geheimnis
bleiben, was die gütige Frau des Brauherrn jener Zeit alles
tat, um menschliche Not zu lindern oder zu vermeiden. Auch dem Pfarrherrn
wurde nachgesagt, dass er sich trotz seiner körperlichen Fülle
unverzüglich auf den Weg machte und die Landwirte einzeln an
ihre menschlichen Pflichten erinnerte, denn die schwäbische
Knauserigkeit hätte hier sicherlich manchen Fehlpass geschlagen.
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| In der Brauerei stellten sich die Belgier
praktisch an. Alle hatten eine, abgeschlossene Berufsausbildung. Das
Benehmen war ohne Tadel. Das Arbeitstempo war gleichmäßig,
aber keineswegs übertrieben. Wer wollte es ihnen verargen! Die
Sprachassimilation schritt munter voran, mit "du" und "Sie" standen
sie lange Zeit auf Kriegsfuß und redeten somit Meister und Chef
mit dem größten Recht per du an. Besonders klug stellten
sie sich an, wenn sie sich um etwas drücken wollten. War die
Arbeit nicht schön, dann war die Verständigung so schwer,
dass sie nicht und somit auch die Arbeit nicht zustande kam. War im
Betrieb aus anderen Gründen dicke Luft und gab es obrigkeitliches
-Donnerwetter, dann war nach Abzug des Wortgewaltigen der einhellige
Kommentar: "Där spinnt!" Der Beifall war ihnen dann sicher.
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Im Herbst arbeitete ich mit Pierre in der Mälzerei
Pro Tag mussten 400 Ztr. Gerste auf der Zweihordendarre getrocknet
werden. Die untere Horde war geräumt und mit der Malzschaufel
konnte die Abräumluke der oberen Horde geöffnet werden.
Doch die Schaufel wich dem Druck, es machte Bums und ich lag auf
der unteren Darrhorde, das Bewusstsein war weg. Es muss sich zwar
nur um Sekunden gehandelt haben, aber wie am Spieß schrie
Pierre: "Meistär.schnäll, Kamerad kaputt!" Aber Kamerad
ging nicht kaputt und Pierre holte schnell frisches Wasser, sorgte
sich um mein Wohl, während der Meister, in diesem Fall der
Obermälzer, wieder zum Fahrstuhl eilte, um dort ja keinen Arbeitsausfall
zu erleiden.
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Mit den Jahren wurden die Belgier Altgediente in
der Brauerei, wenn auch ohne eigenen Hausbesitz.
Den Patron grüßten sie ehrerbietig, aber die Mütze
blieb auf dem Kopf. Die Brotzeit der Gefangenen wurde immer besser,
denn das Internationale Rote Kreuz sorgte für das leibliche
Wohl und die Waren kamen aus den USA. Die Zigarettenspenden gingen
nun in umgekehrter Richtung und die bissigen Kommentare blieben
insofern nicht aus, als man unverhohlen meinte, gegen wen wir eigentlich
diesen Krieg gewinnen möchten, wenn es dem Gegner noch so gut
gehe? Kriege kommen, Kriege gehen. So war es auch im 2. Weltkrieg.
Oberschwaben wurde von französischer Truppen besetzt. Manches
wurde dabei nicht ganz richtig gemacht. Der bisherige Bürgermeister
der Gemeinde musste seinen Hut nehme, wiewohl ihm keine politischen
Sünden angelastet werden konnten. Auf dem Rathaus regierte
der Ortskommandant und dieser wollte einen zivilen Bürgermeister
zur Seite haben Einer sollte es machen, aber keiner wollte, denn
Wohnungen räumen, Schlachttiere beschlagnahmen und andere mehr
als unangenehme Besatzungsbefehl' durchführen, konnte keine
Lorbeeren einbringen.
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